Teil II von Teil I
Die vier übergroßen Letter lassen Sohnemann erahnen, wohin unsere Samstagnachmittagreise geht. Leichte Ernüchterung, aber gemischt mit einem ausreichendem Maß an Vorfreude. Mein schlechtes Elterngewissen meldet sich mal wieder zu Wort. Und der am festgelegten Budget zweifelnde große Schatz. Aber sonst…
Erstmal eine Runde Hotdog vorweg. Mit leerem Magen lässt sich nun mal schlecht spielen oder stöbern. Während sich die Männers in die viel zu lang erscheinende Warteschlange einreihen, stratze ich schon mal zum Kinderland. Womöglich erwartet uns dort ein ähnliches Bild. Meine Erinnerung serviert mir eine Wartezeit von anderthalb Stunden…
Dem ist glücklicherweise nicht so. Trotzdem – Vorsorge ist besser. Mit zwei kleinen Anmeldezetteln und einen dieser beliebten Mini-Bleistifte beziehe ich am Stehtisch Stellung und kritzel die erforderlichen Daten mit hervorragender Wettbewerbsgeschwindigkeit aus. Ein Mann gesellt sich dazu und versucht mir offenbar Konkurrenz zu machen. Für Außenstehende müssen wir beide gerade als die schlimmsten Rabeneltern rüberkommen. So schlimm, dass wir in einem Affentempo die Anmeldungen ausfüllen, damit wir die Betreuung unserer Jüngsten auch ganz sicher ganz schnell an andere Hände übergeben können…
Aber so einfach ist das nicht. Da die Kinder momentan nicht neben mir, sondern neben den Hotdog-Zubereitungstischen stehen, werde ich freundlich aber bestimmt abgewiesen. Voranmeldungen, pah. Welch übereifrige Eltern neigen denn dazu?
Die Jungs schlendern gemütlich zur Kinderabgabestation zum Kinderland. Und sind nun nicht mehr die einzigen, wessen Eltern gerne ungehindert durch die Einrichtungsvielfalt tapern wollen. Warteschlange. Nummer 41 ist unsere. Zum Glück hat die Nummernzahl keine Bedeutung für die Anzahl der mitwartenden Familien. Fünf Kinder sind noch vor uns, zwei werden gleich hineingebeten. Ja, sie habe sich die 41 für uns notiert. Ja, zwei Kinder. Als Mutter muss man sich doch absichern, denke ich mir und versuche mich des Wartens. “Nummer 14″, ruft es durch den Wartebereich. “NUMMER 14″ wird es noch lauter und noch öfter wiederholt. Nummer 14? Wir haben aber 41. Hat sie das vielleicht verwechselt? Könnte ja sein. Das würde allerdings heißen, wir sind von der Liste, wenn wir nicht sofort zum Anmeldetresen sprinten. Niemand fühlt sich mit “Nummer 14″ angesprochen. Hmm. Komisch. Und echt blöd, wenn wir doch gemeint wären…
Unter Hochspannung stehend versuche ich mich irgendwie von dem schrecklichen Gedanken, von der Warteliste gestrichen worden zu sein, abzulenken. Ein Kinderfilm soll die Jungs und Mädels bis zum Eintritt ins Spielparadies unterhalten. Vielleicht gilt es auch eher der Beruhigung der Eltern. Ich versuche mich auf die animierte Schildkröte zu konzentrieren. Aber nix da. Vielleicht hat sie unsere Nummer tatsächlich vertauscht? Hatte ich nicht am Anfang versehentlich 14 gesagt und mich dann korrigiert? Womöglich hat sie das nicht richtig mitbekommen… Bange Minuten…
Und dann: Endlich: “Nummer 41″.
Jo, das sind wir. Kinners, kommt! Wir sind draahaan. Juhuu, jubeln großer Schatz und ich uns auf telepatischem Wege zu und eilen flugs zur Anmeldung. Ein wartendes Elternpaar verfolgt breitgrinsend unsere Fluglinie und wünscht nach erfolgreicher Kinderabgabe viel Spaß beim Einkaufen… Ich habs ihnen angesehen, es geht ihnen absolut genauso wie uns!
Zwei Stunden bleiben uns nun. Nicht viel, meint großer Schatz und zerrt mich am Arm im Eilschritt an die ersten Ausstellungspartien vorbei. “So geht das nicht!”, erkläre ich ihm und bestehe auf eindeutig mehr Zeit zum Gucken. “Aber wir wissen doch genau, was wir wollen. Wir müssen jetzt ganz stark sein”, macht er mir indirekt seine Angst vor den Verlockungen deutlich. Ein paar Meter später hat sich unsere Schrittgeschwindigkeit der Allgemeinheit angepasst, obgleich wir entgegen der üblichen Pfeilrichtung flanieren. Ein “Oh, guck mal hier” wechselt sich regelmäßig mit dem “Das hier ist auch nicht schlecht” ab. Regale werden von uns gezielt auf optische Tauglichkeit geprüft, notiert und nach einigen Positionen später von der Liste gestrichen.
Ein paar wenige Dinge halten sich dennoch tapfer auf unserer Merkliste. Hinzu die Farbe und Kleiderbügel (ja, Kleiderbügel – das stand aber eigentlich auch schon vorher fest, unausgesprochen). Zwischendurch die übliche Zwischenbilanz. Und das dazugehörige schockierende Ergebnis. “Ist doch schon ganz schön viel. Preislich jedenfalls.” Er glaube nicht, dass unser Budget reichen würde.
Das ist er. Der Moment vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe, obwohl mir von Anfang an klar war, dass er kommen würde. Mit grinsender Mimik verrate ich großem Schatz wortlos mein kleines Handtaschen-Geheimnis. Erleichterung macht sich bei ihm breit.
Doch der nächste Schrecken lässt nicht lange auf sich warten. Ein Blick zur Uhr – nur noch 45 Minuten Zeit. Dann müssen die Kinder abgeholt werden. JETZT SCHON??? Unsere Schritte erhöhen sich proportional zum Blutdruck. Aber wenigstens sind wir schon in der Pflanzenabteilung. Kommt ja nicht mehr viel. Außer…
Außer einer weiteren “Liebe Eltern”-Durchsage. Seitdem wir uns mit nur 10 Schritten den Kindern entfernt haben, zuckt großer Schatz bei jeder (und gemeint ist tatsächlich JEDE) “Liebe Eltern”-Durchsage panisch zusammen. Jeden Moment könnte uns der IKEA-Eltern-Schrecken heimsuchen und wir müssten den Rest des Shoppingrundgangs mit gelangweilten und überall herumsuchenden und die ganze Zeit jammernden Kindern an der Seite fortführen. Womöglich wären wir derart genervt, dass wir unsere Scheuklappen aufsetzen und schnurstracks zum Ausgang marschieren… Purer Horror!
Dem vorausgegangen, meldet sich die nette Kinderverwahrerin Betreuerin nicht nur mit “Liebe Eltern, hier spricht das Smaland”, sondern sie setzt (furchtbar dreist) die ersten vier Anfangsbuchstaben von Junior dazu!
Schockstarre. Atemstillstand. Bewegungsunfähig starren wir uns an. So’n Mist, jetzt ist es doch soweit. Wäre ja auch zu schön gewesen. Aaaber – plötzlich bricht die Durchsage ab. Direkt nach den ersten vier Anfangsbuchstaben von Junior. “Das ist kein vollständiger Satz”, versuche ich großen Schatz zu beruhigen. “Das zählt nicht!”
Außerdem hatte ich auf der Anmeldung nur Juniors Kurznamen angegeben. Nach drei Buchstaben hätte Schluss sein müssen. Also kann er es gar nicht sein, reden wir uns mehr oder weniger erfolgreich ein und verharren in der Bewegungsunfähigkeit, bis die Durchsage endlich wiederholt und zugleich vervollständigt wird. Hörbares Ausatmen – wie beim Yoga – dringt aus unseren angstgebadeten Körpern. Glück gehabt! Ein anderes Kind. Mal wieder.
Anmerkung I:
Während wir die beiden Jungs voller Freude mit einem Lächeln abgeholt haben und es ebenso laut Durchsage vor Ablauf der zwei Stunden getan hätten, gibt es offenbar auch andere Eltern:
“Liebe Eltern, Luise und Anne möchten immer noch gerne aus dem Smaland abgeholt werden. Sie warten jetzt schon sehr lange.” Dieser zweite Aufruf erfolgte etwa 40 Minuten vor unserer Abholung. Und als ich dann pünktlich (aber nicht überpünktlich) am Abholtresen stand, seufzten zwei kleine gelangweilte Mädchen mit hängenden Köpfen “Wann werden wir denn endlich abgeholt?”
Absolut kein Scherz!
Anmerkung II:
Die Geschichte vom jämmerlich-jammernden großen Schatz bezüglich der getroffenen Regalauswahl folgt an einem der nächsten Tage.
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