Es gibt Momente im Leben, die zählen eindeutig zu den einschneidenden. Das gilt auch für Eltern. Der erste Zahn. Das erste Wort. Die ersten Schritte. Die Einschulung… Doch die Zeiten ändern sich und irgendwie muss diese Uraltliste dem modernen Lebensstil angepasst werden. Zum Beispiel mit dem “Ersten Handy”. Für mich ein Punkt, den ich am liebsten erst nach “Erste große Liebe” gesetzt hätte. Okay, vielleicht auch kurz davor oder gerade zeitgleich. Aber so ungefähr. Die seit Jahren von Junior wiederholte Frage, wann er denn endlich auch (Betonung liegt auf AUCH) ein Handy bekommen würde, hätte ich locker noch einige Jahre länger abwiegeln können. “Wir sind ja schließlich nicht die anderen” (mein Lieblingshasszitat aus meiner Kindheit und Jugend).
Doch die Zeiten ändern sich. Kinder müssen nicht mehr im Morgengrauen durch meterhohen Schnee zehn Kilometer zu Fuß zur Schule stapfen. Und der Mama-Wunsch, dem Spross die eine oder andere ach-so-wichtige Mitteilung am liebsten sofort und direkt in den Schulranzen zu simsen, kommt immer öfter auf.
Aber nein. Man denke nur an die gesundheitlichen Folgen dieser Mini-Technik-Wunder. Allein die Strahlung!
Ein paar Jahre gehen noch, war ich überzeugt und ließ mich jüngst von meinem Verstand kurzfristig eines Besseren belehren. Immerhin stand Juniors erste Ferienfahrt ohne uns an. Eine Woche ohne elterlichen Schutz, entfernt in einem uns bekannten Ort, eine ganze Autostunde entfernt. Wenn da mal was ist und er uns nicht erreichen kann! Telefonkarte? So ein Quatsch! Man kennt das doch noch aus eigener Erfahrung. Da muss man erstmal zur nächsten Telefonzelle, welche dann zufälligerweise auch betriebsbereit sein muss und und… Naja, kommt jeden Falls nicht infrage.
Also ein eigenes Handy. Kann ja hinterher ab und zu auch ganz nützlich sein. Nicht ständig, versteht sich. Natürlich nicht! (Die Strahlung!) Eine kurze Einweisung in die wichtigsten Funktionen und los gehts. In der Hoffnung, er merkt sich die Schnellanweisung und gibt tatsächlich am Tag oder Abend der Ankunft ein kurzes fernmündliches Lebenszeichen von sich, verabschieden wir ihn vormittags in die elternfreie Zeit. Zugegeben, großer Schatz hat sich von allen Bedenken ums mögliche Handy-nicht-verstehen befreit und ihn stattdessen optimistisch zum Selbstausprobieren sämtlicher Funktionen aufgefordert. Außer Internet, selbstverständlich. Wo kämen wir denn da hin? Ein Neunjähriger mit dem Handy im Internet… Hach, hoffentlich tippt er den Sicherungscode nicht versehentlich dreimal falsch ein und…
Die Stunden vergehen, einen Anruf vom Sohnemann gibts nicht. Er wird sicher einfach zu beschäftigt sein. Ist schon in Ordnung.
Der Abend naht – kein Anruf. Ein gutes Zeichen. Bestimmt. Jedenfalls leidet er dann nicht unter Heimweh.
Die Tage, ja die ganze Woche, schreitet in normaler Geschwindigkeit an uns vorüber. Wir nutzen die kindfreien Stunden. Aber einen Anruf… den gibts nicht. Kinder sind eben gut abgelenkt in Ferienlagern. So soll das sein. Immer was los. Nein, wir rufen nicht an. Vermutlich hört er das Handy gerade sowieso nicht. Er sollte es doch im Zimmer lassen, ist ja nur für Notfälle. Kinder brauchen Freiheiten! Genau.
Stattdessen spekuliere ich lieber auf die versprochene Postkarte, die er uns schreiben soll will.
Der Tag des Wiedersehens ist gekommen. Es gibt viel zu berichten. “Ich habe den größten Strandkorb der Welt gesehen! Soll ich dir den mal zeigen? Den habe ich fotografiert!”
Fotografiert? Er hatte doch gar keine Kamera dabei?! “Aber mein Handy,” erklärt mir Junior ganz selbstverständlich und lässt mich umgehend an den fotografisch festgehaltenen Erinnerungen teilhaben. Er kann die Bilder sogar zoomen. Und in einwandfreiem Deutsch sind sie auch noch beschriftet. Und das von ihm, dem Lese- und Schreibmuffel in persona. Ich sehe und staune. Woher weiß er das nur? “Hab ich ausprobiert.”
Die Zeiten ändern sich eben. Die Kinder müssen nicht mehr in den frühen Morgenstunden durch meterhohen Schnee abertausende Kilometer zur Schule irren. Sie benutzen einfach die GPS-Funktion ihrer Handys. Ach was, sie laden sich den Unterrichtsstoff zu Hause im Bett einfach als App herunter, setzen vor die App noch ein “R”, um die Gehirnnahrung als “Rapp” (ich weiß, aber auch die Rechtschreibung ändert sich rasant) bei Youtube hochzuladen. Für die Benotung nutzen die Lehrer einfach die “Like”-Buttons oder für eine genauere Bewertung die “Rate this”-Sternchen…