Archiv für den Monat November 2011

Vom Wissen überrumpelt

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Schule bildet. Kein Zweifel. Zumal sie auch uns Eltern entlastet. Nicht die ganze Welt müssen wir unserem Nachwuchs selbst erklären. Stattdessen lassen wir uns vom Wissen überraschen, dass Junior mit nach Hause bringt.

Vor Kurzem bei einer Autofahrt über Land:

Junior: “Guck mal Mam, sind das Standardvögel?”

ich: “Standardvögel?”

Junior: “Oder Standvögel?”

ich: “???”

Junior: “Dann eben Stammvögel! Die, die im Winter hier bleiben. Hattest du etwa keine Schule??”

Standvögel – in der Grundschule gelernt. Im vorherigen Jahrhundert, ja gar Jahrtausend (!). Das Wort seitdem nie wieder benutzt. Da kann das schon mal passieren.
Aber, liebe Kinder, es ist wichtig, dass ihr zur Schule geht und euch die Dinge merkt, die euch dort beigebracht werden! (und zur Not hilft Herr Google auch mal schnell aus)

Wie? Du warst beim Friseur, Schatz?

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“Wie lang sind seine Haare wirklich?”, rätselt Schatzi mit Blick auf den Seriendarsteller und vergleicht dabei seine eigene Haarpracht. Sieht gut aus. Beim Typen im Fernsehen. Sagt Schatz. So könnte er sich das bei sich auch vorstellen. Meinen intensiven Gutachterblick aufgelegt, befinde ich, ihm zuzustimmen.

“Morgen geh ich zum Friseur.” Schatzi weiß also was er will. Viel muss ja nicht ab. Aber so in die Richtung wie bei dem hinter der Mattscheibe. Das wird toll. Ich bin ja schon so gespannt!

Zwei Tage später.

Mit Sohnemann unterwegs fällt mir plötzlich ein:
“Wollte Schatzi gestern nicht zum Friseur? Wieso war er denn gar nicht?”

Wieder zu Hause, spreche ich Schatzi direkt auf seine offenbare Meinungsänderung an. Natürlich indem ich ihm genau gegenüberstehe.
“Wolltest du gestern nicht zum Friseur?”
“Ja, wollt ich.”
“Wieso warst du nicht?”
“DANKESCHÖN”, heißt es plötzlich mit zusammengezogenen Augenbrauen und blitzartig schnellt meine Hand zum Mund, der gerade noch ein entschuldigendes “Uuups” hervorbringt.
Sein “Ich WAR beim Friseur”, hätte es dann eigentlich auch nicht mehr bedurft…

…ebenso wenig meiner AusredenWiedergutmachungsversuche à la
“Jetzt weißt du wenigstens wie sich andere Frauen fühlen.” (denn meine Friseurbesuche fallen ihm sofort auf) oder
“Ich schau dir eben immer in deine wundervollen Augen, wenn ich dich sehe.”

“Der Eismann. Aber der ist blind.”

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Eine wahre Begebenheit. Wie übrigens alle (!) hier veröffentlichten Beiträge.

Szenario:

Gerichtssaal. Verhandlung. 20 Euro. Aussage gegen Aussage.
Anwesend: Beklagte, Kläger, Anwälte, Richterin, Beisitzende Richter samt juristischen Beraterstab, Zeuge.

1. Akt

Beklagte versichert die geliehenen 20 Euro an Kläger zurückgezahlt zu haben. Nicht fristgemäß. “Aber das ist schon in Ordnung so.”
Lübeck, bei ihr zu Hause, sei der Übergabeort gewesen. Um 16.31 Uhr.
Auf richterliche Nachfrage zwecks Verwendung des Geldes wird pampig reagiert. Was gehe das die Richterin an?
Kläger bestreitet, besagtes Vermögen zurückerhalten zu haben.

2. Akt

Auftritt des geladenen Zeugen. Personalien werden aufgenommen. So ist das nun mal üblich.
Richterin: “Welchen Beruf üben Sie aus?”
Zeuge (überlegt lange und länger, dann voller Entschlossenheit):
“Ich habe gar keinen einzigen Beruf!”

Zeuge habe Übergabe beobachtet, Beklagte und Kläger jedoch nur verschwommen wahrnehmen können. Der Entfernung sei es geschuldet. “Aber drei oder vier Scheine” habe er auf jeden Fall gesehen. Gesehen, wie sie von der Beklagten zum Kläger gereicht wurden. Nur den Euro-Wert habe er nicht erkennen können. Er erwähnte bereits die Entfernung…

3. Akt

Zeuge reagiert wiederholt verärgert über richterliche Befragung. Dass die auch alles so genau wissen wollen! Schon fast eine Frechheit!
Eine ungefähre Tages- oder optimalerweise sogar Uhrzeit wäre nicht schlecht, übt sich die Richterin in Geduld. “13 Uhr”, gibt Zeuge zu Protokoll. Stirnrunzeln im Publikum.
Ein paar Empörungen seitens des Zeugen später fand der Geldtausch bei schönstem Sonnenuntergang statt. “Mit rotem Himmel.”

“Waren denn schon die Straßenlaternen an? Daran lässt sich erkennen, ob es eher dunkel oder noch eher hell war”, bohrt die Beisitzende Richterin nach. Und stößt dabei auf völliges Unverständnis des Befragten. “JAAA, die Straßenlampen waren an – aber ich weiß ja nicht, wie das so läuft in LÜBECK!” Schreien ist in diesem Fall ein ganz passables Synonym für “antworten”.

Der Akt endet mit des Zeugen Worten:
“Ich habe fast gar keinen Schimmer, wie spät es war!”

4. Akt

Nein, er ist noch immer nicht aus dem Zeugenstand entlassen.
Ließe sich vielleicht doch noch etwas über die Höhe des Geldes herausfinden? Und wären die Informationen auch noch so gering.
Verschwommen habe er sie gesehen, die Geldscheine – das steht bereits im Protokoll. “Also”, setzt er zur Detailergänzug an. “Es war ein Fünfer und ein Fünfziger”, vermag sich Zeuge doch noch zu erinnern. Möglicherweise waren auch noch ein bis zwei weitere Fünf-Euro-Scheine dabei. Dass er nicht genau wisse, ob es insgesamt drei oder vier Scheine gewesen sind, habe er ja schon erwähnt!

“Es könnte auch Spielgeld gewesen sein”, merkt er an und berief sich ein weiteres Mal auf die weite Entfernung, welche einen so starken Einfluss auf seine schlechte Sicht gehabt hätte. Etwa einen ganzen Meter (!) habe er von den beiden Streithähnen entfernt gestanden.

5. Akt

Geldübergabe war nun doch nicht mehr bei der Beklagten zu Hause. Sondern in einer Eisdiele. In Lübeck.
“Gab es noch andere Leute in der Eisdiele, die das gesehen haben könnten?”, erkundigt sich die Vorsitzende Richterin nach zusätzlichen Erkenntnissen.
“Ja”, fällt der sonst eher wortkargen Beklagten sofort ein. “Der Eismann. Aber der ist blind.”

6. Akt

Es bringt nichts. Ein Weiterfragen birg eher Gefahr für ein tieferes Eindringen in den undurchsichtigen Dschungel der Halbwahrheiten. Das Urteil muss her. Kurze Unterbrechung.
Geschäftig berät sich die Vorsitzende Richterin mit ihrem staatsdienenden Gefolge. Nur keine Zeitverschwendung mehr. Da kann die Urteilsfindung auch schon mal direkt im Gerichtssaal stattfinden. Wenn auch unüblich. Es genügt, wenn das Mikrofon ausgestellt ist. Ein Wort schafft es allerdings trotzdem sich immer wieder bis in die hintersten Zuschauerreihen zu mogeln. “Gefängnis!”
“Sie muss ins Gefängnis.” So die Forderung eines oder gar mehrerer richterlicher Gremiumsmitglieder. Bei 20 Euro Streitwert. Die Samthandschuhe wurden in diesem Fall direkt vor Prozessbeginn ausgezogen.

7. Akt

Entgegen üblicher Prozessabläufe bittet die Vorsitzende Richterin vor der Urteilsverkündung zunächst das Publikum um dessen Urteilsvermögen.
“Sie muss die 20 Euro zahlen. Was der Zeuge und die Beklagte gesagt haben, stimmt nicht überein.”
“Der Kläger verliert. Der Zeuge hat ja gesehen, dass sie das Geld zurückgegeben hat.”

Geteilte Meinung unter den unbefangenen Beobachtern also. Auf der Richterbank siehts ähnlich aus. Noch immer formen sich neun Buchstaben zum geflüsterten “Gefängnis”.

8. Akt

Jetzt aber. Jetzt ist es so weit. Alle erheben sich. So gehört es sich nun mal, wenn das Urteil verkündet wird.
Der Vorsitzenden Richterin ist deutlich anzumerken, es fällt ihr nicht schwer, die Beklagte auf die Zurückzahlung der geborgten 20 Euro zu verurteilen. Zu dubios dieser Zeuge. Zu widersprüchig die Ortsangaben der Beklagten. Vom blinden Eisverkäufer mal ganz abgesehen.

9. Akt

Der Kläger freut sich sichtlich. Die Siegerpose wird eingenommen. Revision vom Anwalt der Beklagten angekündigt.

Ich liebe reale Gerichtsverhandlungen – und meine damit keineswegs irgendwelche TV-Shows. Nichts gespielt und trotzdem oder gerade deswegen beste Unterhaltung! Eintritt frei.

In meiner journalistischen Vergangenheit habe ich so einige Verhandlungen gespannt (mitunter auch verständnislos bis angewidert) vom Zuschauerbereich verfolgt. Und muss feststellen, die Kinder, welche oben beschriebenen Prozess (mit “echter” Richterin) spontan und mit nur fünf Minuten Vorbereitungszeit gespielt haben, könnten das Verhalten einiger Erwachsener nicht besser darstellen. :D

Anmerkung: erlebt in der HAW bei der 4. Nacht des Wissens, Hamburg

Hallo Welt, hörst du mich?

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S-Bahn. Dienstagabend. 19:53 Uhr. Zwei Frauen und ein Mann sitzen zusammen. Man kennt sich. Nicht besonders innig. Aber man kennt sich eben. Vielleicht von der Arbeit. Aber viel wahrscheinlicher nur flüchtig vom Sehen. Für eine nette Unterhaltung während der Heimfahrt langts allemal.

Andere machen es anders. So wie jene Frau. Etwa um die 50. Ich kann sie nicht sehen. Aber meine Ohren schätzen ihr Alter sicherlich genauso gut wie es meine Augen getan hätten. Zumal meine Ohren für die nächsten zehn Minuten ohnehin die Leidgeplagten sein werden. Zusammen mit allen anderen anwesenden Hörorganen. Es geht sehr privat zu, im unüberhörbaren Telefongespräch jener Mitfahrerin. Die Nadeldrucker auf Arbeit, die mir täglich einen gefühlten Hörschaden verpassen, könnten meine feierabendliche Ruhe in der Bahn nicht besser stören.

“Ist wohl ein Ferngespräch”, versucht es eine der Damen aus der Dreier-Sitzgemeinschaft mit deutlich hörbarer Stimme. Nichts. Die Privatsphäre der Telefonistin liegt weiterhin wie ein ausgerollter Teppich in der Bahn. Und zwar genau mitten im Gang. Niemand, wirklich niemand kommt daran vorbei. Allerdings ist nicht jeder privilegiert, das Zwangsgehörte nach Sinn zu sortieren und zu verarbeiten. Auch mir bleibt dieses Privileg erspart. Sie spricht keine der wenigen Sprachen, die ich verstehen könnte. Meinen Ohren ist das sowas von egal. Sie machen keinen Unterschied zwischen unerwünschter Privat(intims)plauderei und nervigem Stimmengewirr. Ist es doch die gleiche Lautstärke, die sie plagt. Laut-Stärke. Bis dato habe ich noch nie über das Wort nachgedacht…

“Dass manche Leute so offen ihr Privatleben ausplaudern müssen in der Bahn”, nimmt die Dame aus der Dreier-Flüchtig-Bekanntschaft-Ecke den nächsten Anlauf. Anerkennde Zustimmung von der ihr gegenüber sitzenden Bekannten. Genau jener Bekannten, welche nur 30 Sekunden später ausführlich Persönliches zu berichten hat. In angebrachter Lautstärke, um nicht nur ihre beiden Bekannten zu unterrichten, sondern den gesamten Waggon gleich mit. Schließlich gibt es mittlerweile kein orientalisch klingendes Telefongespräch mehr mitanzuhören. Da muss Abhilfe geschaffen werden.

Umzug in den Stadtteil Bergedorf wäre ganz toll. Egal ob mit oder ohne Mann. Ist sowieso gerade dicke Luft zu Hause. Er ist es, der öfter mal zu tief ins Glas guckt und dann handgreiflich wird. Und laut wird er dann immer. Auch gegenüber den Kindern. Aber nur dann… Und auf der Arbeit…
Probleme dieser und anderer Couleur gibts aus ihrem Mund noch einige zu hören. Mitfühlende Blicke ihrer beiden Bekannten obendrauf, wenngleich die Blicke ein Ende der Erzählungen ebenso herbeisehnen.

Wie sagte doch vorhin ihre Bekannte so schön?
“Dass manche Leute ihr Privatleben…” Und ich erinnere mich auch noch genau daran, wer ihr zustimmend beigepflichtet hat…. Schlimm solche Leute. Jawoll!