Ich wollte es eigentlich nur auf “laut” stellen, um sicher zu gehen, dass ich es im Fall des Falles auf dem Weg zur Arbeit wirklich höre. So trotz Musik im Ohr. Doch noch bevor meine Hand nur die geringste Chance bekommt, mein Handy aus dem Rucksack hervorzuholen, schießt plötzlich eine Eilmeldung durch sämtliche Synapsen und verkündet (leicht panisch):
“Du hast dein Handy zu Hause liegen gelassen!”
Vom Schrecken gezeichnet (bestimmt sieht man mir das an), blicke ich vorsichtig um mich… Noch ist die Welt nicht untergegangen. Müde blickende Erwachsene und quatschende Berufsschüler. Keinerlei Anzeichen von Panik oder verwandter Gefühlsausbrüche.
Huuuuuuh. Tief durchatmen. Es ist ja nur ein Handy. Die Betonung liegt auf “nur ein Handy”. Kein Smartphone. Keine Kamera. Keine MMS (glaub ich jedenfalls). Kein Terminplaner oder Adressbuch. Und noch viele weitere keins und keines mehr. Ein ganz normales Mobiltelefon also. Naja, was früher mal ganz normal war eben. Reicht mir!
Überhaupt verpass ich dem kleinen Ding am Wochenende gerne mal Begleitverbot. Um der (gefühlten) Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeitspflicht wenigstens gelegentlich zu entkommen. Am Wochenende wohlgemerkt. Davon kann heute keine Rede sein. Heute ist ein gewöhnlicher Arbeitstag. Weit entfernt von Sonntag und Freitag. Und dann keine mobile Erreichbarkeit!
Es ist immer noch vor 8 Uhr morgens. Und die Welt dreht sich weder langsamer noch schneller. Es scheint, als hätte meine Misere gar keine Auswirkung aufs Universum. Hmm.
Aber was ist, wenn Schatzi mir was Wichtiges mitzuteilen hat?
Ich müsste bis zum Abend auf die Neuigkeiten warten.
Was, wenn Junior sich in der Schule verletzt und die Lehrer anrufen wollen?
Sie würden Schatzi erreichen. Oder direkt bei mir im Büro anrufen.
Und eigentlich wollte ich einer Freundin eine SMS schicken. Für die Wochenendplanung (sind ja nur noch drei Tage Zeit!).
Jetzt muss ich mich bis nach Feierabend gedulden…
Einziger Trost, der mich gerade überhaupt nicht tröstet:
Früher ging das ja auch ohne Handy. Ja, sogar ohne Telefon (so ganz, ganz früher)!
Im Büro angekommen, informiere ich sogleich meine Kollegen über die ungewöhnlichen Umstände. Nicht dass ich sonst eine Handy-Fanatikerin oder gar Handy-Süchtige wäre. Um Gottes Willen – natürlich nicht. Nur so eine wichtige Information wie ein vergessenes Handy sollte schon weitergegeben werden. Also: “Bitte keine Anrufe, bevor ich zu Hause bin.”
Zu spät. Der erste verpasste Kollegenanruf erfolgte bereits fünf Minuten vor Arbeistbeginn. Da haben wir’s doch!
Aber nicht schlimm. Noch dreht sie sich, Mutter Erde. Obwohl ich mein Handy heute den ganzen Tag nicht dabei haben werde.
Jeder Gang auf Arbeit so ungewohnt wie nie. Immer wieder die verstohlenen Blicke auf den Handy-leeren Fleck…
Viele Stunden später. Feierabend. Auf dem Weg nach Hause.
Ich habs fast geschafft. Nur noch S-Bahn und Bus. Meine Sorge, ich könnte dem nervig klingelnden Winzling MP3-Player-bedingt nicht die nötige Aufmerksamkeit in angemessener Reaktionszeit bieten…
…hat sich vollkommen in Luft aufgelöst.
Ich brauche weder die Musik leiser zu drehen, noch auf eventuelle Vibrationen im Rucksack oder der Jackentasche zu achten. Hervorragend!
Vorallem muss ich bei der Suche nach dem immer lauter werdenden Handy nicht befürchten, meine unbeabsichtigte Kramsammlung mitten in der Bahn auszubreiten. Zugegeben: So ein Tag ohne Handy… gar nicht so übel.
Obwohl…
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