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Flensburger Punkte zu verschenken

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S-Bahngespräch am Morgen. Zwei Mädels, beide um die 18 Jahre alt. Thema “Führerschein-Nachschulungen von Freunden”.

Nachdem genauestens erläutert wurde, dass derlei Fahrerziehungsmaßnahmen finanziell extrem schmerzhaft ausfallen, gibt Freundin #1 ihre Taktik für die Sicherheit des eigenen, wohl noch nicht vorhandenen Führerscheins preis:

#1:“Ich werd mir kein eigenes Auto holen. Ich nehm dann das Auto von meiner Mutter, meinem Freund und von der Mutter von meinem Freund. Und wenn ich dann irgendwelche Scheiße baue, geb ich denen die dreizig Euro oder wie viel das kostet und das wird auf deren Namen berechnet.”

#2:
“Aber das wird dein Freund nicht mitmachen. Dann kriegt er die Punkte oder wenn du so was Krasses machst, dass er zur Nachschulung muss?!”

#1:
“Mein Freund wird ja wohl nicht sagen, dass ich gefahren bin.”

Dem möchte ich nichts hinzufügen – außer reiner Fassungslosigkeit.

Fräulein Ruhe kopfschüttelnd

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Kein Handy, dass mit seinem notorisch nervenden Aufmerksamkeiterrengendenton alle um den morgendlichen Verstand bringt. Nicht ein einziges. Noch nicht mal unüberhörbar laute Ohrendröhnung anderer Mitfahrender. Das einzige Geräusch um halb sieben in der S-Bahn: absolute Ruhe.

Ruhe, die einfach nur vor sich hindösen will.

Lediglich die monoton erklingende Haltestellenansage platzt regelmäßig in die wunderbare Großstadt-Morgen-Idylle. Und weil die Ohren so entspannt vor sich hinschlummern, tut es der an den Hörorganen befestigte Rest ihnen gleich. Bis… ja, bis die nächste Haltestelle gleich eine ganze Hand voller Umsteigemöglichkeiten aufzuweisen hat.
Noch bevor der Lokführer den Namen des nächsten Ausstiegs offiziell bekannt gibt, verlassen einige Leute wie ferngesteuert ihren Sitzplatz.
Aus einigen werden mehrere. Und aus mehreren werden ganz schön viele. Der Kampf um die Pole-Position hat längst begonnen. Wer jedoch weder zu den einigen noch zu den mehreren gehört, hat ihn schon jetzt verloren.

Pole-Position. Besser könnte der halbe Quadratmeter hinter der ersten Tür im ersten Waggon nicht benannt werden. Denn die Umsteigezeit ist kurz – in einer Stadt, in der die Busse und Bahnen im Zehn-Minuten-Takt fahren. Da lohnt sich das Hetzen von anderer Startposition erst gar nicht. Alle wissen das. Und weil das so ist, wird die dösige Ruhe von eben kurzerhand als Erste durch die gerade mal zentimeterweit geöffnete Waggontür gestoßen, bevor der Pulk folgt. Im Laufschritt selbstverständlicherweise, nur schneller. Geschickt werden Trödler (also Gehende in Normalgeschwindigkeit) umrannt (aber nicht umgerannt). Werden Treppenstufen übersprungen. Wird in Sekundenbruchteilen abgewägt, ob Rolltreppe tatsächlich einen Zeitvorteil mit sich bringen könnte. Wird der Weg zum anderen Bahngleis zum Slalomparcours.

Welch ein Schauspiel – jeden Morgen. Von Montag bis Freitag. Herrlich.

Und wenn ich nicht gerade in der ersten Tür des ersten Waggons aussteige (auch nur, weil ich es beim Einsteigen nicht mehr bis nach ganz vorne geschafft habe), kann ich sie sehen – die dösige Ruhe. Wie sie kopfschüttelnd und allein auf der Sitzbank am Bahnsteig die Pendler beobachtet – und sich fragt, warum die Leute sich tagtäglich lieber von Herrn Stress zu ihrer Arbeit begleiten lassen als von ihr. In einer Stadt, in der Busse und Bahnen im Zehn-Minuten-Takt fahren.

Ehre, wem Ehre gebührt

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Sehr geehrter Herr Wulff,

Transparenz und bedingungslose Aufklärung haben Sie uns – als Ihre Einkommenszahler – versprochen. Es ist schon eine Weile her, aber das macht nix. Nun ja, das Ergebnis ist bisweilen – sagen wir’s mal ganz, ganz vorsichtig – nicht gerade prickelnd. Aber vielleicht sind wir auch einfach nur zu ungeduldig. Vielleicht wollten Sie tatsächlich noch alles selbst aufklären und waren überrascht, dass vor ein paar Tagen Ermittler vor Ihrer Haustür um Einlass baten. So schnell. Dabei liegt die Transparenz-Aufklärungs-Ankündigung doch gerade erst zwei (oder doch schon drei?) Monate zurück. Und nach ein paar Wochen haben Sie ja auch einen für den eigentlich nächsten Tag angekündigten Fragen-Antworten-Katalog veröffentlichen lassen. Dass die Medien in dieser Hinsicht etwas schneller waren als Sie – wer konnte das ahnen?

Und nun gehts immer noch weiter. Dabei haben Sie doch alles Erdenkliche getan, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Haben darauf verwiesen, dass die Berichterstattung der vergangenen Monate Sie verletzt hat. Sofort nach Aussprache dieses Satzes wurden bundesweit nicht ernsthaft gefüllte Dosen voller Mitleid geöffnet. Nicht zu überhören.
Jetzt aber zum Ehrensold. Sold als Begriff von “finanzieller Verdienst” oder auch Lohn genannt in Verbindung mit Ehre… und Ihnen – mir fehlen schlicht die Worte. Es sei denn, Sie haben mit “Ihrem” Verdienst und unseren hart erarbeiteten Steuergeldern nichts anderes vor, als sie den Menschen zukommen zu lassen, die sie tatsächlich verdient hätten. Oder wenigstens dringend benötigen.

Wie viele sozialpädagogische Einrichtungen ließen sich damit pro Jahr unterstützen? Wie viele wohnungslose Mitmenschen könnten ein Dach über den Kopf bekommen? Wie vielen todgeweihten Kindern könnte ein letzter Wunsch erfüllt werden? Wie viele… es gibt so, so viele, denen Sie mit dieser zu Recht umstrittenen Lebenslangpension helfen könnten, ja sogar retten könnten. Da ließe sich dann bestimmt von Verdienst reden, auch Ehre würde Ihnen zuteil werden. Bestimmt. Der Chauffeur samt Dienstwagen, den Sie in Anspruch zu nehmen gedenken, ließe sich locker gegen einen Koch mit vollen Einkaufskörben tauschen, der hilfsbedürftige Obdachlose beköstigt. Das von Ihnen wozu-auch-immer-unbedingt-gewünschte-Dienstzimmer würde sich als Betreuungsort für Kinder berufstätiger Eltern wunderbar eignen, inklusive Personal. (Berufstätigkeit: Arbeitsausübung zur eigenverantwortlichen finanziellen Sicherung des Lebensunterhaltes, Anm. für Herrn Wulff)

Aber Sie stimmten ja bereits zu, dass die Höhe des Ehrensolds nicht mehr zeitgemäß und finanzielle Einschnitte unumgänglich seien. Und auf Ihr Wort werden wir uns doch wohl verlassen dürfen, Herr Wulff. Oder etwa nicht? So wie die Geschichte mit der Transparenz… welche Sie übrigens schon lange vor Ihrem Amtsantritt als Bundespräsident zu erzählen begannen. Ach nein, da war es ja noch gar keine Geschichte, da nannten Sie es noch Forderung. Gerichtet an andere Politiker.

 

Rettet das bedruckte Papier !

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Es soll sich in der S-Bahn abspielen. Mal wieder. Hat sich die S-Bahn doch als Ort interessanter Erlebnisse herausgestellt. (Aber das war sie wohl schon immer)

Also: S-Bahn. Freitagabend. Feierabend.
Sie sitzen mir direkt gegenüber. Kategorie: Kulturhungriges Rentnerpaar.
Ohrenscheinlich waren sie gerade in der Hamburger Kunsthalle. Es könnte allerdings auch das MKG (Museum für Kunst und Gewerbe) gewesen sein. Meine Ohren haben sich vorbehalten, nicht alle Informationen in die Merkzentrale des Gehirns weiterzuleiten. Auf jeden Fall etwas mit Kunst. Und Kultur. Sehr viel Kultur.
Es wird ausgewertet, überlegt, geschlussfolgert. Bis – ja, bis eine Frage unbeantwortet zwischen Mann und Gattin (ich vermute, es ist die Gattin) hin und her irrt. “Hm… Lichtwark… Da muss ich mich nochmal drüber informieren,” beschließt die redefreudige Rentnerin und holt ihr Smartphone heraus. Ein paar Fingertipper später berichtet Wikipedia über ihre Lippen alle ihm bekannten Daten aus dem Leben und Schaffen von Alfred Lichtwark. Und ich meine exakt ALLE DATEN.

Und ganz plötzlich sehe ich sie vor mir:

Eine Zeit, in der Bücher bestenfalls zur dekorativen Raumgestaltung beitragen.
Schlimmstenfalls als Brennholz vernichtet werden. Ihre Inhalte kennt ohnehin kein Mensch mehr. Die Türen zu Bibliotheken sind verriegelt und verrammelt, während sich in ihren Innern die papierfressenden Kleinstlebewesen an den Resten zu schaffen machen.
Das Wort Bibliothek lässt sich auch nur noch im Lexikon nachschlagen. Einzig und allein abrufbar per Klick in die digitale Welt. Und sollten die Alten jemals ihren Nachkömmlingen von diesen längst vergessenen Einrichtungen erzählen, werden diese – die Jungen – nur lachend die Köpfe schütteln und sich über solch merkwürdige und zeitraubende Erfindung wundern.

So wird das eines Tages kommen.

Ob es hilft, dass ich Junior zur Adventszeit ein neues Weihnachtsgeschichtenbuch gekauft habe? Eines mit den schönsten Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren.

Hach, Astrid Lindgren… Bücher… Kinder… Vorlesen vom bedrucktem Papier… ausleihbar in Bibliotheken… oder erhältlich in gesonderten Geschäften… Bücherläden… vollgestopft mit Geschichten und Wissen… welch tolle Sache!

Hallo Welt, hörst du mich?

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S-Bahn. Dienstagabend. 19:53 Uhr. Zwei Frauen und ein Mann sitzen zusammen. Man kennt sich. Nicht besonders innig. Aber man kennt sich eben. Vielleicht von der Arbeit. Aber viel wahrscheinlicher nur flüchtig vom Sehen. Für eine nette Unterhaltung während der Heimfahrt langts allemal.

Andere machen es anders. So wie jene Frau. Etwa um die 50. Ich kann sie nicht sehen. Aber meine Ohren schätzen ihr Alter sicherlich genauso gut wie es meine Augen getan hätten. Zumal meine Ohren für die nächsten zehn Minuten ohnehin die Leidgeplagten sein werden. Zusammen mit allen anderen anwesenden Hörorganen. Es geht sehr privat zu, im unüberhörbaren Telefongespräch jener Mitfahrerin. Die Nadeldrucker auf Arbeit, die mir täglich einen gefühlten Hörschaden verpassen, könnten meine feierabendliche Ruhe in der Bahn nicht besser stören.

“Ist wohl ein Ferngespräch”, versucht es eine der Damen aus der Dreier-Sitzgemeinschaft mit deutlich hörbarer Stimme. Nichts. Die Privatsphäre der Telefonistin liegt weiterhin wie ein ausgerollter Teppich in der Bahn. Und zwar genau mitten im Gang. Niemand, wirklich niemand kommt daran vorbei. Allerdings ist nicht jeder privilegiert, das Zwangsgehörte nach Sinn zu sortieren und zu verarbeiten. Auch mir bleibt dieses Privileg erspart. Sie spricht keine der wenigen Sprachen, die ich verstehen könnte. Meinen Ohren ist das sowas von egal. Sie machen keinen Unterschied zwischen unerwünschter Privat(intims)plauderei und nervigem Stimmengewirr. Ist es doch die gleiche Lautstärke, die sie plagt. Laut-Stärke. Bis dato habe ich noch nie über das Wort nachgedacht…

“Dass manche Leute so offen ihr Privatleben ausplaudern müssen in der Bahn”, nimmt die Dame aus der Dreier-Flüchtig-Bekanntschaft-Ecke den nächsten Anlauf. Anerkennde Zustimmung von der ihr gegenüber sitzenden Bekannten. Genau jener Bekannten, welche nur 30 Sekunden später ausführlich Persönliches zu berichten hat. In angebrachter Lautstärke, um nicht nur ihre beiden Bekannten zu unterrichten, sondern den gesamten Waggon gleich mit. Schließlich gibt es mittlerweile kein orientalisch klingendes Telefongespräch mehr mitanzuhören. Da muss Abhilfe geschaffen werden.

Umzug in den Stadtteil Bergedorf wäre ganz toll. Egal ob mit oder ohne Mann. Ist sowieso gerade dicke Luft zu Hause. Er ist es, der öfter mal zu tief ins Glas guckt und dann handgreiflich wird. Und laut wird er dann immer. Auch gegenüber den Kindern. Aber nur dann… Und auf der Arbeit…
Probleme dieser und anderer Couleur gibts aus ihrem Mund noch einige zu hören. Mitfühlende Blicke ihrer beiden Bekannten obendrauf, wenngleich die Blicke ein Ende der Erzählungen ebenso herbeisehnen.

Wie sagte doch vorhin ihre Bekannte so schön?
“Dass manche Leute ihr Privatleben…” Und ich erinnere mich auch noch genau daran, wer ihr zustimmend beigepflichtet hat…. Schlimm solche Leute. Jawoll!